Wer durch Eppendorf, Winterhude oder Barmbek läuft, bewegt sich nicht durch eine über Jahrhunderte gewachsene Innenstadt, sondern durch eine Kette ehemaliger Dörfer, die erst spät zur Großstadt zusammenwuchsen. Genau das macht den Reiz von Hamburg-Nord aus: Unter den Gründerzeitfassaden und Klinkerbauten steckt ein ländlicher Kern, der bis ins frühe Mittelalter zurückreicht.
Hamburg-Nord ist als Bezirk noch jung, das Gebiet aber uralt. Eppendorf gilt als ältestes Dorf auf heutigem Hamburger Stadtgebiet. Diese Chronik führt von der ersten urkundlichen Erwähnung 1140 über die Eingemeindung der Vororte und den Feuersturm von 1943 bis zu den neuen Quartieren von heute.
- 1140: Eppendorf, das älteste Dorf
- Dörfer rund um das Kirchspiel Eppendorf
- 1863: Die Alsterdorfer Anstalten
- 1877: Der Friedhof Ohlsdorf, größter Parkfriedhof der Welt
- 1894: Die Vororte werden Teil Hamburgs
- 1911: Der Flughafen Fuhlsbüttel
- 1914: Der Stadtpark, ein Volkspark für alle
- Die NS-Zeit: Kola-Fu und Krankenmorde
- 1943: Operation Gomorrha und der Feuersturm
- 1951: Der Bezirk Hamburg-Nord entsteht
- 2006 bis 2008: Die Verwaltungsreform
- Ausblick: Neue Quartiere auf altem Grund
- Quellen
1140: Eppendorf, das älteste Dorf
Die Geschichte von Hamburg-Nord beginnt am Wasser, genauer an der Tarpenbek und der Alster. 1140 taucht der Name Eppendorf zum ersten Mal in einer Urkunde auf. Der Bremer Erzbischof Adalbero schenkte dem Hamburger Domkapitel einen Hof, zu dem auch die Tarpenbeker Mühle gehörte.1
Eppendorf, damals als Eppenthorp geschrieben, gilt damit als das älteste Dorf auf dem heutigen Hamburger Stadtgebiet. Die Herkunft des Namens ist nicht sicher belegt, vermutlich geht er auf einen Dorfgründer namens Ebo, Ebbo oder Eppo zurück.2
Älter als die meisten denken
Während die Hamburger Innenstadt rund um den Hafen wuchs, war das Gebiet des heutigen Bezirks lange bäuerlich geprägt. Eppendorf ist 1140 belegt, also fast 750 Jahre, bevor es 1894 Teil der Stadt wurde. Einen Überblick über alle Ortsteile findest du in unserer Übersicht zu den Stadtteilen in Hamburg-Nord.
Dörfer rund um das Kirchspiel Eppendorf
Eppendorf war über Jahrhunderte nicht nur Dorf, sondern auch geistlicher Mittelpunkt. Zum Kirchspiel Eppendorf gehörten zahlreiche weitere Dörfer aus dem Hamburger Umland, darunter Winterhude, Harvestehude, Eimsbüttel, Groß Borstel und Ohlsdorf, aber auch heute zu anderen Bezirken zählende Orte wie Niendorf, Lokstedt und Hummelsbüttel.3
Die kirchliche Klammer täuscht über eine zersplitterte weltliche Herrschaft hinweg. Die Dörfer unterstanden mehreren Obrigkeiten: Eppendorf, Harvestehude, Winterhude, Groß Borstel und Ohlsdorf gehörten zu einer von Hamburger Ratsherren verwalteten Klosterstiftung, andere Dörfer zur Grafschaft Holstein-Pinneberg, und Steilshoop und Alsterdorf waren von 1544 bis 1773 im Besitz des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf.4
Auch Winterhude und Barmbek waren in dieser Zeit kleine Bauerndörfer. Erst die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und die wachsende Stadt Hamburg sollten aus diesen Dörfern dicht bebaute Wohnquartiere machen.
1863: Die Alsterdorfer Anstalten
Mitten in der Industrialisierung entstand in Alsterdorf eine Einrichtung, die den Norden bis heute prägt. 1863 gründete der evangelische Theologe und Pastor Heinrich Matthias Sengelmann eine Anstalt für Menschen mit Behinderung. Innerhalb weniger Jahre wurden daraus die Alsterdorfer Anstalten.5
Sengelmann gilt als Vordenker seiner Zeit, weil er Menschen, die durch die Industrialisierung zunehmend keinen Platz in der Gesellschaft fanden, als bildungsfähige Mitmenschen ernst nahm. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs lebten rund 1000 Menschen auf dem Gelände.5
Die Geschichte der Anstalten hat eine dunkle Seite, die zur ehrlichen Chronik des Bezirks gehört. Im Nationalsozialismus wurden aus Alsterdorf insgesamt 550 Bewohner in Zwischenanstalten und Tötungsanstalten der NS-Krankenmorde deportiert, die meisten von ihnen wurden ermordet.6 Die heutige Evangelische Stiftung Alsterdorf hält die Erinnerung daran mit einer eigenen Gedenkkultur wach.
1877: Der Friedhof Ohlsdorf, größter Parkfriedhof der Welt
Am 1. Juli 1877 wurde der Friedhof Ohlsdorf feierlich eingeweiht, bei den ersten drei Beisetzungen. Was als neuer Zentralfriedhof für die wachsende Stadt geplant war, ist heute mit knapp 400 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt.7
Den Charakter prägte vor allem Wilhelm Cordes, Architekt und späterer Friedhofsdirektor. In fast 40 Jahren Amtszeit gestaltete er die Anlage nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten, mit Gewässern, geschwungenen Wegen und Baumgruppen statt strenger Gräberreihen. Seit der Gründung haben in Ohlsdorf mehr als 1,4 Millionen Beisetzungen stattgefunden.7
Ein Park, kein bloßer Friedhof
Ohlsdorf ist längst auch Naherholungsgebiet, Vogelschutzgebiet und Freilichtmuseum der Bestattungskultur in einem. Buslinien fahren über das Gelände, das größer ist als viele ganze Stadtteile. Mehr Orte zum Entdecken sammeln wir in unseren Sehenswürdigkeiten in Hamburg-Nord.
1894: Die Vororte werden Teil Hamburgs
Den entscheidenden Schritt von der Ansammlung von Dörfern zur Großstadt brachte das Jahr 1894. Im Sommer wurden die früheren Dörfer und Vororte förmlich dem Stadtgebiet zugeschlagen, darunter Eppendorf mit Hoheluft, Winterhude, Uhlenhorst, Barmbek und Hohenfelde, dazu im Westen St. Pauli, Eimsbüttel, Rotherbaum und Harvestehude.8
Einige Orte waren schon zuvor zu Vororten erklärt worden, Winterhude etwa 1874, Eppendorf 1871. Mit der Eingemeindung 1894 endete ihre Eigenständigkeit endgültig. In den folgenden Jahrzehnten verschwanden die letzten Felder unter Mietshäusern, und der Norden bekam sein bis heute typisches Gesicht aus Gründerzeitstraßen und später den Klinkerbauten der 1920er Jahre.8
Wie stark das Gebiet seither gewachsen ist, lässt sich an den nackten Zahlen ablesen. Aktuelle Daten zur Bevölkerung findest du in unserer Übersicht zu den Einwohnern von Hamburg-Nord.
1911: Der Flughafen Fuhlsbüttel
Am 10. Januar 1911 wurde die Hamburger Luftschiffhallen GmbH gegründet, mit privatem Kapital von 685.000 Mark. Auf einem Wiesengelände nahe dem damaligen Dorf Fuhlsbüttel entstand die erste Luftschiffhalle, die 1912 nach rund einem Jahr Bauzeit eingeweiht wurde.9
Was für Zeppeline geplant war, wurde zum Flughafen. Hamburg Airport zählt damit zu den ältesten Verkehrsflughäfen der Welt und ist der älteste internationale Flughafen Deutschlands, der bis heute an seinem Gründungsstandort liegt. Heute ist er der fünftgrößte Flughafen Deutschlands.9
Der Flughafen prägt den Norden bis heute, im Guten wie im Streitbaren. Er ist großer Arbeitgeber und Tor zur Welt, sorgt aber wegen Fluglärm und nächtlicher Verspätungen regelmäßig für Diskussionen in Langenhorn, Fuhlsbüttel und Alsterdorf.
1914: Der Stadtpark, ein Volkspark für alle
Drei Jahre nach dem Flughafen öffnete im Süden des Bezirks die grüne Lunge. Am 1. Juli 1914 wurde der Hamburger Stadtpark in Winterhude eröffnet, nach vier Jahren intensiver Bauzeit auf rund 148 Hektar.10
Verantwortlich war Oberbaudirektor Fritz Schumacher, gemeinsam mit Gartendirektor Otto Linne. Sie verbanden den englischen Landschaftsgarten mit dem strengen französischen Architekturgarten zu einer eigenständigen Einheit. Von Anfang an war der Stadtpark als Volkspark für alle gesellschaftlichen Schichten gedacht.10
Am westlichen Ende der Ost-West-Achse steht der zwischen 1912 und 1915 von Schumacher errichtete Wasserturm. 1930 wurde er zum Planetarium umgebaut, das bis heute zu den bekanntesten Adressen des Bezirks gehört.10
Die NS-Zeit: Kola-Fu und Krankenmorde
Wie ganz Hamburg wurde auch der heutige Norden ab 1933 zum Schauplatz von Verfolgung und Terror. Am 4. September 1933 richteten SS und SA in Gebäuden der Strafanstalt Fuhlsbüttel ein Konzentrationslager ein, das im Volksmund schnell Kola-Fu genannt wurde und zum Inbegriff für Schrecken und Tod wurde.11
Dorthin kamen fast alle verhafteten Hamburger Widerstandskämpfer, dazu Zeugen Jehovas, Juden, sogenannte Swing-Jugendliche und vom Regime als unliebsam Gebrandmarkte. Ab 1936 wurde das Lager als Polizeigefängnis weitergeführt, von Oktober 1944 bis Februar 1945 nutzte die SS einen Teil als Außenlager des KZ Neuengamme. Mehr als 200 Menschen verloren dort ihr Leben.11
Parallel liefen, wie oben beschrieben, die Krankenmorde an Bewohnern der Alsterdorfer Anstalten. 1987 wurde im ehemaligen Torhaus der Strafanstalt Fuhlsbüttel eine Gedenkstätte eingerichtet, die bis heute über das Konzentrationslager und den Widerstand informiert.12
1943: Operation Gomorrha und der Feuersturm
Den tiefsten Einschnitt brachte der Sommer 1943. Vom 24. Juli bis zum 3. August 1943 flogen britische und erstmals gemeinsam US-amerikanische Verbände die als Operation Gomorrha bezeichneten Luftangriffe auf Hamburg.13
In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 entstand ein verheerender Feuersturm bislang ungekannten Ausmaßes. Die dicht bebauten Arbeiterquartiere von Hammerbrook bis Barmbek standen im Zentrum der Angriffe. Große Teile von Barmbek wurden zerstört, der wichtige Bahnknoten Barmbek schwer beschädigt.13
Die Angriffe gehören zu den schwersten der Luftkriegsgeschichte bis zu jenem Zeitpunkt. Insgesamt forderten sie in Hamburg schätzungsweise rund 34.000 Menschenleben, etwa 900.000 Bewohner flohen oder wurden evakuiert.14 Der Wiederaufbau prägte das Gesicht von Barmbek und Dulsberg über Jahrzehnte, viele schlichte Nachkriegsbauten stammen aus dieser Zeit.
Die Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 trägt in Hamburg einen festen Namen: Feuersturm.
1951: Der Bezirk Hamburg-Nord entsteht
Die heutige Verwaltungsstruktur ist Nachkriegsgeschichte. Zum 11. Mai 1951 schuf Hamburg die bis 2008 geltende Gliederung mit sieben Bezirken und ihren Ortsämtern. Damit entstand auch der Bezirk Hamburg-Nord in seiner Grundform.15
Lange war Hamburg-Nord der bevölkerungsreichste Bezirk der Stadt. 1950 lebten hier rund 358.900 Menschen, danach sank die Zahl über Jahrzehnte, bis sie zur Jahrtausendwende bei knapp 276.000 lag und seither wieder deutlich gestiegen ist.15 Die jüngsten Eckwerte fassen wir in der Statistik zu Hamburg-Nord zusammen.
Der Bezirk in Zahlen
Hamburg-Nord umfasst rund 57,8 Quadratkilometer und gehört mit etwa 5.700 Einwohnern je Quadratkilometer zu den dicht besiedelten Bezirken Hamburgs. Allein der Flughafen belegt rund 5 Quadratkilometer, der Friedhof Ohlsdorf rund 4 und der Stadtpark rund 2.15
2006 bis 2008: Die Verwaltungsreform
Die letzte große Veränderung war organisatorisch. Im Zuge der Hamburger Bezirksverwaltungsreform wurden die früheren Ortsämter Barmbek-Uhlenhorst und Fuhlsbüttel aufgelöst. Zum 1. Februar 2007 fielen die Ortsämter und ihre Ortsamtsleiter samt der örtlichen Ausschüsse weg.16
An ihre Stelle traten drei Regionalbereiche, in denen die 13 Stadtteile zusammengefasst sind:16
- Eppendorf-Winterhude mit Eppendorf, Hoheluft-Ost und Winterhude
- Fuhlsbüttel-Langenhorn-Alsterdorf mit Alsterdorf, Fuhlsbüttel, Groß Borstel, Langenhorn und Ohlsdorf
- Barmbek-Uhlenhorst-Dulsberg mit Barmbek-Nord, Barmbek-Süd, Dulsberg, Hohenfelde und Uhlenhorst
Seither präsentiert sich Hamburg-Nord als der Bezirk, wie ihn heute alle kennen: ein Streifen vom Hafenrand der Außenalster bis an die nördliche Stadtgrenze bei Langenhorn, gebündelt aus 13 sehr unterschiedlichen Stadtteilen.
Ausblick: Neue Quartiere auf altem Grund
Hamburg-Nord ist einer der gefragtesten Wohnstandorte der Stadt, und genau das treibt seine jüngste Geschichte an. Auf ehemaligen Klein- und Gewerbeflächen zwischen Winterhude und Barmbek entstand in den vergangenen Jahren mit dem Pergolenviertel ein komplett neues Wohnquartier, das die Lücke zwischen Stadtpark, Ohlsdorf und der Alster schließt.
Auch das frühere Krankenhausgelände in Barmbek, das Quartier 21, zeigt das Muster: alte Backsteingebäude bleiben stehen, dazwischen wächst neuer Wohnraum. Wie sich das auf die Preise auswirkt, ordnen wir im Mietspiegel für Hamburg-Nord ein.
Die großen Linien für die nächsten Jahre sind absehbar: weitere Nachverdichtung in zentralen Lagen, der Dauerstreit um Fluglärm und Flughafenerweiterung im Norden des Bezirks sowie die Frage, wie Eppendorf, Winterhude und Uhlenhorst lebenswert und zugleich bezahlbar bleiben.
Was sich nicht ändert, ist die Lage am Wasser. Alster, Goldbekkanal und die alten Dorfkerne bleiben der rote Faden, der die 13 Stadtteile zusammenhält, vom ersten Eppenthorp des Jahres 1140 bis zu den Quartieren von morgen.